
Der GPS Test: Segen oder Fluch für Wanderer?
GPS ist ein großer Trend. Die Einsatzmöglichkeiten sind vielfältig: Längst ist es im Auto fast nicht mehr wegzudenken. Geocaching ohne GPS ist schlicht Quatsch. Aber bringt uns die Technologie wirklich so viel, wenn wir eigentlich nicht mehr machen wollen als zu Wandern? Oder verdrängt der Blick auf den mobilen Wegweiser unsere naturgemäße Sicht der Dinge? Es wird Zeit für einen Selbstversuch.Auf zum Walchsee
Ich muss ein Geständnis vorausschicken: Ich habe gar kein GPS. Nicht mal mein Telefon kann meine aktuelle Position bestimmen. Damit bin ich aber bestimmt der Richtige, um dem segensreichen Trend auf die Spur zu kommen. Dazu haben sich in Walchsee, gerade so eben in Österreich im Tiroler Kaiserwinkl, einige Vertreter der schreibenden Zunft getroffen, um sich von Marktführer Garmin einweisen zu lassen.
Theoretisch gut
Wir sind Lernende. Zuerst müssen wir also durch den Theorie-Teil. Es braucht mindestens vier Satelliten für eine korrekte Ortung inklusive Höhenangabe. Die Stellung der Satelliten ist relevant. In Schluchten kann es Probleme geben. Seit einigen Jahren ist die Ortung sehr präzise, bis auf wenige Meter genau. Und die Geräte werden immer mehr zu Alleskönnern. Touch Screen, Paperless Geocaching, Speicher für mehr und vor allem detaillierteres Kartenmaterial und jede Menge Extras auch bei der Aufzeichnung von Daten bis hin zum Foto mit Geotagging, also mit gespeicherten Koordinaten am geschossenen Bild. Ab 250 Euro geht es los, für das Doppelte gibt`s ein Top-Gerät. Nicht ganz billig. Ich will den Praxistest.
Erste Schritte
Und den bekomme ich auch schon bald. In einem Test-Parcours werden wir mit den rudimentären Funktionen der GPS-Geräte vom Typ Dakota und Oregon vertraut gemacht. Kompass kalibrieren, Wegpunkte setzen, eine kurze Route ablaufen und wieder zurück finden. Es sieht schon ein bisschen lustig aus, einer größeren Gruppe von gestandenen Journalisten bei ihren tapsigen ersten Schritten zuzusehen. Ich bin natürlich keine Ausnahme und schreite allen Ernstes mit Blick auf den Kompass beim Test der Track-Back-Funktion die vielen bunten Test-Hütchen wieder ab. Eigentlich ist alles ganz einfach, das Menü durchaus intuitiv. Und doch gibt es zweifelnde Worte in der Gruppe. "Wenn ich hier ein paar Meter nach links geschickt werde, obwohl ich in die andere Richtung muss, dann ist das im Hochgebirge bei einer Eisspalte vielleicht ein tödlicher Fehler", moniert ein Kollege. Die Technik - Segen oder eher doch ein Fluch?
Navigieren auf Schritt und Tritt
Die kurze Übung kann mich nicht schocken. Den eigentlichen Test soll mein Gerät am kommenden Tag antreten. Wir wandern, von der Hitscheralm geht es für uns auf die Karspitze und nach Rast auf der Burgeralm zurück nach Walchsee. Beim Wandern navigieren wir auf unterschiedliche Weisen, aber immer per GPS. Ich habe also keine Karte dabei, dafür habe ich einen Track hochgeladen. Die Wanderung beginnt mit einer schönen Aussicht über das Inntal und den See mit dem Sumpfland, das ihn umgibt. Wir haben prächtiges Wetter erwischt. Glück gehabt! Bei der ersten Weggabelung wende ich meine Aufmerksamkeit aber meinem neuen Begleiter zu.
Detaillierte Pfade führen zum Ziel
Es ist durchaus erstaunlich, welches Detaillevel bei näherem Zoomen in die Karte zu erreichen ist. Das ist nicht ganz selbstverständlich, denn nicht für jedes Land sind ähnlich gute Karten zu bekommen. Für den Alpenraum gibt es von Garmin die überregionale Karte TransAlpin. Für rund 199 Euro bekommt man hier durchaus einiges, diesen Kartenwert muss ich bei einer Neuanschaffung aber noch auf die Kosten des Geräts hinzurechnen. Dafür sehe ich auch kleinste Wege und kann mich im Zusammenspiel mit den Höhenlinien und dem Richtungspfeil beim Track eigentlich nicht verlaufen. Parallel zeigt mir das Gerät das bisherige Höhenprofil an - oder andere Funktionen wie die Kompassrose mit Richtungspfeil zu meinem Ziel.
Peilen - und los!
Wir gehen weiter Richtung Karspitze. Kurz vor dem Gipfelkreuz weist uns das Gerät vom Wanderweg ab. Über eine Almweide stapfen wir zum höchsten Punkt der Tour und genießen kurz die Aussicht auf den Zahmen und Wilden Kaiser. Danach stehen weitere Features auf dem Prüfstein. Wir peilen die nun naheliegende Jausenhütte an, schätzen die Entfernung ab und folgen dem Gerät. Im Nebel könnte sich diese Funktion als lebensrettend erweisen. Aber auch hier heißt es: Ohne gesunden Menschenverstand geht es nicht. Aber wer kann die Entfernung richtig schätzen? Unsere Tipps liegen zwischen 1050 und 1800 Metern. Der wahre Trick liegt in der Anwendung der Funktion. "Lieber ein bisschen zu weit schätzen als zu kurz," rät uns Manfred, der sich seitens Garmin um uns kümmert. Das macht Sinn: Wer zu früh auf die rettende Hütte stößt ist besser dran. Wer sich am Ziel wähnt und dennoch nicht da ist, kann schnell die Orientierung verlieren.
Automatischer Rückweg
Nach der Pause geht's mit Auto-Routing zurück. Bei dieser Variante plant das Gerät mit Bezug auf dem gewünschten Ziel die Wanderroute automatisch. Bergab geht es nun, teils steinig, teils über wurzelige Waldwege, aber immer entlang des Kohlenrieder Bachs, der uns kurz vor dem Ende mit einem kleinen Wasserfall erfreut. Und die Navigation? Ich orientiere mich zumeist mit der Kompassrose und habe schon ein Gefühl der Vertrautheit mit dem Gerät. Einzig wenn es eine Weile herumbaumelte braucht es manchmal ein paar Schritte, um für mich als Wegweiser zu taugen. Alles in allem hat es uns rund fünf Stunden lang recht souverän geführt. Obwohl ich mich nicht auskannte. Das ist schon einmal nicht schlecht.
Weitere Features: Planung und Auswertung
Eine Aufgabe blieb mir erspart. Ich habe nicht selbst die Tourdaten auf das Endgerät gespielt. Tourenplanung ist etwas, dass auch GPS dem Wanderer nicht abnehmen kann. Dafür gibt es sehr viele Quellen, die fertige Touren anbieten. Auch meine Tour könnt ihr euch als fertigen Track bei uns downloaden. Das ist komfortabel. Fans von Papierkarten können übrigens ohne Probleme auch ebensolche in das Gerät laden - allerdings kann man in diese nicht so weit hineinzoomen. Das Ausgeben des Tracks bereitet keine Probleme, im Anschluss sind der weiteren Bearbeitung der Daten mit diversen Software-Lösungen kaum Grenzen gesetzt.
Ohne Erfahrung geht es kaum
Doch das will ich für heute nicht. Ich wollte sehen, ob GPS beim Wandern wirklich eine Hilfe ist. Die Antwort lautet: Ja!. Es ist sehr viel komfortabler. Wirklich verlaufen kann man sich damit bei gutem Wetter kaum. Immer vorausgesetzt, man hat das richtige Kartenmaterial hochgespielt. Doch kann das GPS den gesunden Menschenverstand nicht ersetzen. In extremen Situationen sind ein paar Meter Genauigkeit eben zuviel Abweichung. Und jedes Gerät kann kaputt gehen, jeder Akku kann versagen. Wer sich dann nur auf GPS verlassen hat, ist wirklich verlassen. Daher rät auch Garmin dazu, Kartenmaterial auch in andere Form bei sich zu führen, vor allem im Hochgebirge. In Verbindung mit etwas Outdoor-Erfahrung aber kann das GPS-Gerät eine wertvolle Hilfe sein.
Eins hat sich nicht geändert. Ich habe immer noch kein GPS. Mein Telefon hat offensichtlich ebenfalls nichts dazu gelernt. Inzwischen finde ich das fast ein bisschen schade. Und vielleicht werde ich bald daran etwas ändern.
Ingo Lemmer














