
FastFoot Challenge: Neuzeitliches Räuber und Gendarm-Spiel
Scotland Yard ist wohl eines der bekanntesten Brettspiele aller Zeiten. Seit 1983 flieht darin Mister X und wird von bis zu fünf Cops gejagt. Gelingt es ihm, 24 Runden unerkannt zu bleiben, dann hat 'X' gewonnen. Dieses klassische Räuber und Gendarm-Thema gibt es nun als GPS-gestütztes Live-Spiel. Es heißt: FastFoot Challenge.Trend aus Langeweile
"Das Spiel gibt es seit 2004", erklärt Ingrid Rügge von 'urban team', einem kleinen Entwicklerteam aus Bremen, das die Challenge zum Leben erweckt hat. Begonnen hat alles mit ein paar Studenten und wissenschaftlichen Mitarbeitern, die mehr aus Langeweile ein bisschen programmiert haben, um mit GPS-Geräten und Handys etwas Neues zu entwickeln. Daraus wurde dann schnell mehr.
Lange Testphase
Zwei Jahre durchlief die Software und damit das Spiel die Beta-Testphase und reifte dabei zum nunmehr fertigen Produkt. "Wir haben viel Feedback bekommen, viele neue Ideen sind noch gar nicht umgesetzt. Dafür haben wir jetzt eine stabile Lösung," fasst Ingrid Rügge zusammen. Sie selbst hatte vor allem die Benutzerfreundlichkeit im Visier, immerhin schrieb sie zu diesem Thema selbst eine Doktorarbeit. Die Software ist eine von wenigen Voraussetzungen für die FastFoot Challenge. Sie gibt es für das I-Phone und im Ovi-Store für Nokia. Apps für weitere Handy-Typen werden folgen.
'X' gegen vier Jäger
Was passiert bei der Challenge? Zunächst trifft man sich mit Gleichgesinnten. Die findet man in der Community - am besten über die mobile Seite auf dem eigenen Handy. Dort werden Spiele angemeldet und sich verabredet. Vor Ort trifft man sich - und handelt möglicherweise zuerst einmal die Spielregeln aus. Eigentlich stehen die zwar fest, aber was die Spieler aus den technischen Rahmenbedingungen machen, ist letztlich ihre Sache. In jedem Fall ist ein Spieler 'X', also der Gejagte. Er bekommt fünf Minuten Vorsprung. Danach werden die Jäger losgelassen. Ein Kilometer beträgt der Radius des 'Spielfeldes'. Nach insgesamt 30 Minuten, also 25 Minuten reiner Suchzeit, ist das Spiel vorbei - oder wenn 'X' vorher bereits näher als 20 Meter an einem Verfolger war. Dann gilt er als gefangen.
Uralter Instinkt neu verpackt
"Räuber und Gendarm - das ist als Spiel sicher Jahrhunderte alt. Einer wird gejagt, andere versuchen, ihn zu kriegen." Das Spiel weckt uralte Instinkte. Ingrid Rügge erinnert sich: "Als ich zum ersten Mal 'X' war, kam sofort dieses Gefühl hoch. Es ist einfach spannend, dem kann man sich nicht entziehen." Und als Jäger? "Ich habe einmal mehr aus Testzwecken als Runner mitgespielt, wollte also eigentlich mehr überwachen als 'X' tatsächlich fangen. Auf einmal kam da eine Person genau auf mich zu gerannt. Das war unser 'X'. Er sah mich und wollte abhauen - aber da musste ich einfach sprinten. Und hab ihn trotz Stöckelschuhen und Büro-Outfit gekriegt!" Auch als Jäger kann man offensichtlich der Faszination verfallen.
App, Community und Google Earth
Natürlich muss auch die Technik beherrscht werden. Der erwähnte Gejagte hatte wohl die Himmelsrichtungen verwechselt und lief deshalb geradewegs in die Arme seiner Häscherin. Generell hat das Spiel drei Komponenten. Es gibt den Software-Client für GPS-fähige Handys. Die kostet derzeit noch nur 2,99 Euro, wird aber später rund zehn Euro kosten. Dann gibt es die Online-Community, auf der man sich verabredet, um zu spielen. Und drittens besteht noch die Möglichkeit, das Spiel zeitgleich oder im Nachgang via Google Earth quasi im Fernseh-Modus zu erleben. Viel Übung braucht es nicht, innerhalb von 15 Minuten können Neuankömmlinge spielfertig gebrieft werden - die Feinheiten kommen dann mit der Praxis.
Strategie und Sport
Sportlich gibt es ganz unterschiedliche Erlebnisse. "Ich renne nicht," lacht unsere Expertin, "ich gehe nur schnell!" Ein guter Antritt und Kondition helfen natürlich. Schnell wegrennen ist aber nicht alles. Immerhin ist der Radius eingegrenzt. "Es gehört Sport dazu - aber auch Strategie. Ortskenntnis kann ein riesiger Vorteil sein. Zudem darf jeder Spieler bis zu fünf Minuten freiwillig offline sein." So werden Fallen gestellt. Das ähnelt dem 'Black Ticket' bei Scotlang Yard - keiner weiß, wo man hingeht. Nur die Jäger sprechen sich natürlich ab.
Verantwortung gefragt
Eigenverantwortung ist ein wichtiges Element dieses Spiels. Immerhin wird es in der Stadt, mitten im Kulturraum gespielt. "Wir können nicht die Verantwortung dafür übernehmen, was die Spieler mit unserer Software machen. Natürlich müssen die Straßenverkehrsordnung und privates Eigentum geachtet werden," so Rügge. Zu leicht könnte 'X' bei seiner Flucht die normale Aufmerksamkeit schleifen lassen. Ein kurzer Sprung in den privaten Garten ist eben nicht vorgesehen. Und nicht nur Kinder müssen natürlich auf Autos und Fußgänger aufpassen. "Passiert ist bislang nichts", versichert die Expertin.
Erleben auf dem GPS Festival 2010
Der Trend wird sich noch weiter entwickeln. "Wir planen, Parks als Spielgrenzen erkennbar zu machen. Wer dann den Park verlässt, wäre disqualifiziert - das ist vor allem für Kinder ein wichtiges Feature", so Ingrid Rügge. Anfragen bekommt sie vor allem aus dem Bereich Coaching und Teambuilding. Den eigenen Chef oder die Kollegen jagen zu dürfen, spornt Mitarbeiter an. Erleben lässt sich das Spiel beim GPS Festival am 12. und 13. Juni in Essen. Dort gibt es einen Workshop, bei dem mit Leihgeräten gespielt wird. Wundert euch also nicht, wenn auf Zeche Zollverein an diesem Wochenende einige Gäste sehr schnell unterwegs sind - es könnte sich um 'X' oder seine Jäger handeln.















